KBK – die unbekannten Renner aus Berlin (Teil 1)

05.05.2013 Bordsteinrenner, KBK 1 Kommentar

Als mich ein Forist und Freund aus den USA im Herbst 2011 darauf aufmerksam machte, dass ich eine interessante Diskussion im Forum von Toycollector verpassen würde, ahnte ich nicht welch spannende Geschichte damit beginnen würde. Natürlich war ich neugierig geworden und sah mir den Beitrag über „Auto-Union Type A ‚long-tail‘ racing car model“ an. Dieser enthielt einem Verweis auf einen Blog-Artikel mit dem Titel „The mystery of the Auto-Union model racing cars“. Die Autos, die ich nun sah, hatte ich schon ein- oder zweimal gesehen, konnte sie aber auch nicht einordnen. Zweifellos waren das Auto-Union-Rennwagen. Über dem Kühler waren deutlich die Ringe der Auto-Union zu erkennen. Vermutlich ein Typ A, wenn man das aus den fehlenden typischen Auspuffreihen der späteren Typen schließen kann. Aber wer war der Hersteller? Und genau das war Thema des Blog-Artikels. Auf der Unterseite der Autos war eine Marke eingegossen: KBK. Über diese Firma war nichts bekannt, außer einiger vager Vermutungen. Und das Erstaunlichste waren die Begleitumstände. Es handelte sich um eine Kiste voller alter und völlig unversehrter Auto-Union-Rennwagen, eingewickelt in eine Zeitung von 1948 aus Berlin. Mein Interesse war nun geweckt. Und vor allem wollte ich nun unbedingt ein Exemplar dieser Autos in die Hände bekommen.

Der Zufall kam mir zu Hilfe, denn am 10. Dezember konnte ich zwei Exemplare in einem Kölner Auktionshaus per Internet ersteigern. Da beide Autos ebenfalls in einem exzellenten Zustand waren, vermutete ich, dass diese vielleicht auch aus dieser Kiste stammen könnten. Deshalb nahm ich Kontakt zum Auktionator auf. Dieser teilte mir mit, dass beide Autos von einem Händler aus Berlin eingereicht wurden. Meine Vermutung wurde also nicht bestätigt. Und trotzdem lohnte sich dieser Anruf, denn was der Auktionator noch sagte, ließ mich aufhorchen.

Regelmäßig würde ein Mann aus Köln das Auktionshaus aufsuchen. So auch am 10. Dezember, und zwar um genau die beiden Autos zu ersteigern, für die ich den Zuschlag erhalten hatte. Er kam an diesem Tag wohl leider zu spät. Die Autos waren schon unter den Hammer gekommen. In seinem Bedauern erzählte er dem Auktionator, dass der Hersteller dieser Autos sein Vater gewesen wäre und sein Name wäre –  Becker! Das versetzte mich natürlich in helle Aufregung. Kann es einen solchen Zufall geben? Also bat ich nun den Auktionator einen Kontakt zu diesem Herrn Becker herzustellen. Und schließlich entschloss ich mich einen Brief an Herrn Becker zu schreiben, in dem ich ihn bat mich zu kontaktieren. Ich schickte den Brief meinem Auktionator mit der Bitte diesen an Herrn Becker weiterzuleiten. Ende März rief er mich schließlich an. Günter Becker ist der Sohn von Kurt Becker, dem Hersteller der bis dahin unbekannten Rennwagen. Die Firma hieß tatsächlich, wie schon in dem Blog-Artikel vermutet KBK (Kurt Becker KG). Zu den Umständen, die mit der Kiste voller KBKs zusammenhängen, ließ sich leider noch nicht viel herausbekommen. Jedoch konnte ich mit Hilfe der Brüder Günter und Jürgen Becker mehr über deren Vater Kurt Becker erfahren.

Kurt Becker wurde 1909 in Rixdorf (Berlin) als Sohn einer wohlhabenden Unternehmerfamilie geboren. Sein Vater besaß eine Firma für Apparatebau. Und so wurde Kurt Becker – naheliegend – Ingenieur. Seine Kinder beschreiben ihn als Tüftler, der in Problemen immer eher eine Herausforderung sah, neue Lösungen zu finden. Sein Motto war schlicht: „Kein Problem!“. Seine große Leidenschaft war das Bauen von Schiffsmodellen. Zwei dieser Modelle (Gorch Fock und Königsberg) mit der beeindruckenden Länge von 1,75 m befinden sich heute noch im Besitz der Familie Becker und haben erstaunlicherweise alle Kriegswirren überstanden. Nachdem Becker Junior vor dem Krieg in Duisburg und in Schlesien bei seinem Vater gearbeitet hatte, gründete er nach dem Krieg bereits am 1. Juli 1946 die Kurt Becker K.-G. zum Zwecke der „Konstruktion und dem Vertrieb von Metallwaren“. Kommanditist war der Architekt Helmut Ollk. Was genau die Firma im einzelnen in ihrem Fertigungsgebäude in Berlin-Charlottenburg hergestellt hat, ist heute nicht mehr genau bekannt. Aber man weiß, dass sie zwei Ereignisse in der Zeit ihrer Existenz schwer getroffen hat. Zum einen war da die Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949. In dieser Zeit mussten die Kinder von Kurt Becker von ihrem Privileg, um das sie sicher von vielen Kindern beneidet wurden, jederzeit Autos aus der Produktion mit nach Hause nehmen zu dürfen, verabschieden. Die Tochter und ihre beiden Brüder wurden sicherheitshalber auf die Insel Sylt geschickt. Vermutlich hat in dieser Zeit auch die Produktion bei KBK gelitten. Ein weiterer harter Einschnitt bedeutete die schwere Erkrankung von Kurt Becker. Wegen dieser Erkrankung konnte sich Kurt Becker monatelang nicht um seine Firma kümmern und in der Folge endete die Geschäftstätigkeit der KBK laut Handelsregistereintrag am 28.06.1950.

Schön, dass Vieles dieses Ende doch überlebt hat. Bemerkenswert sind die Spielzeugautos, die wir heute von KBK kennen. Am bekanntesten sind die Auto-Union-Rennwagen mit der Artikelnummer B1300. Man kann diese manchmal auf Auktionen und auch auf Internetauktionen finden. Bespielte Exemplare haben sehr oft die Farbe Dunkelgrün. Die Farbpalette, wie sie sich uns durch den Paketfund darstellt, ist jedoch vielfältig. Folgende Farbkombinationen sind mir bis heute bekannt: Dunkelgrün mit rotem Sitz, Rot mit beigem Sitz, Beige mit rotem Sitz, Blau mit hellrotem Sitz, Hellrot mit blauem Sitz, Hellgrün mit hellrotem Sitz, sowie selten Hellblau mit hellrotem Sitz. Man kann auch sagen, dass die Farbe der hellgrünen Version stark in der Helligkeit variiert. Offensichtlich gibt es auch zwei verschiedene Reifentypen: einen schmalen und einen, den man fast schon als ballonartig bezeichnen kann. Beide Reifentypen waren übrigens im Paket von Paul Schilperoord, dem Verfasser des oben erwähnten Blog-Artikels, vorhanden.

Und vielleicht gab es noch eine weitere, sehr schöne Variante des B1300. Bei einem Treffen mit den Beckers am Nürburgring zum Oldtimer-Grand-Prix 2012, steckte mir Jürgen Becker einige Fotos von KBK-Modellen aus deren Produktionszeit zu. Eines dieser Bilder zeigt einen B1300 verchromt, vielleicht mit rotem Sitz. So genau lässt sich das eben auf einem Schwarz-Weiß-Foto nicht erkennen. Dass es sich um eine Verchromung handeln muss, sieht man, wenn man sich die blanke Oberfläche der Innenseite der Autos ansieht. Natürlich ist auch die Zusammensetzung der Zinklegierung nicht bekannt, aber die blanke Oberfläche in der Innenseite des Gusses ist sehr zerfurcht. Sie sieht nicht so aus, wie Zinklegierungen im allgemeinen aussehen. Die Oberfläche auf der Außenseite des Autos auf dem Foto ist sehr glatt, so wie es für eine verchromte Oberfläche typisch ist.

Im Besitz von Günter Becker befinden sich noch weitere Fahrzeugmodelle der Firma seines Vaters. Neben den wirklich bemerkenswerten Modellen einer Hanomag Zugmaschine mit – leider – nur noch einem Hänger (ursprünglich zwei) und einem Buick Eight, gibt es erstaunlicherweise ein zweites Rennwagenmodell mit der Artikelnummer 1300. Und als ob die Geschichte der KBKs nicht schon geheimnisvoll genug wäre, ist dieser zweite Renner ebenfalls ein Auto-Union, vermutlich ebenfalls Typ A. Das Wunderbare an diesem Modell ist, dass es wirklich wunderschön ist. Ich würde sagen, deutlich schöner als das Modell B1300. Sie haben es schon gesehen, es ist das Titelbild dieses Blogs. Und bis zum jetzigen Zeitpunkt sind mir nur die beiden Exemplare bekannt, die sich im Besitz der Familie Becker befinden: ein rotes Exemplar mit weißen „Verschönerungen“ und ein silberfarbenes.

Die Frage, die sich einem nun zwangsläufig stellt ist, warum gibt es zwei Modelle des Auto-Union Typ A vom selben Hersteller? Und natürlich stellt sich auch die Frage, welches Modell zuerst produziert wurde. Eine schlüssige Antwort gibt es darauf noch nicht. Und vielleicht wird es eine solche auch nie geben. Aber zumindest gibt es schon zwei Thesen. Diese zu vergleichen, wird aber Thema eines weiteren Artikels über diese schönen Modelle sein. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende!

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Alle Kommentare
  • Patrick Rettkowski

    10.07.2013, 09:40 Uhr

    Zuerst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, daß Sie sich die Mühe gemacht haben, die interessante Geschichte dieser Spielzeugautos ans Tageslicht zu bringen.
    Ich besitze auch einen KBK B 1300. Ich habe ihn bei ebay für einen sehr, sehr günstigen Preis ersteigert. Ich wußte damals *nichts* über den Hersteller – wahrscheinlich genausowenig wie der Verkäufer. Der Zustand ist nur leicht bespielt, was eigentlich für einen Kneterenner eher verwunderlich ist.
    Allerdings ist der Farbton blaugrau. Dieser schien schon werksseitig so aufgespüht worden zu sein. Der Sitz ist weinrot. Es ist natürlich auch gut möglich, daß der Lack im Laufe der Jahrzehnte nachgedunkelt sein könnte. Meine Vermutung ist, daß die urspüngliche Farbe mal hellblau war. Die Reifen sind schmal, wirken aber im Vergleich zu meinen Dinkys recht ballonartig.