Spiel mit dem Bordstein-Renner

11.10.2014 Bordsteinrenner Keine Kommentare

Berliner Kinder in den Fünfzigern

von Manfred Heyde und Michael Spengler

Autorennen mit von Hand angeschobenen Rennwagenmodellen aus Druckguss, damals kurz als Renner bezeichnet, gehörten besonders in Berlin in den 1950er Jahren zu den bei Jungen beliebten Spielen auf der Straße. Rund um Berlin, in Brandenburg, gingen die Schieberenner ebenfalls auf die Rennstrecken [1], und im östlichen Niedersachsen brachte eine Mutter noch 1959 vom Einkauf ihrem krank zu Bett liegenden Sohn als Trost einen „Silberpfeil“ mit [2]. Erstaunlicherweise waren die Renner auch in Italien bekannt.

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Nachschub für die Rennstrecken auf Berlins Straßen lieferten nach dem Krieg Kurt Becker (KBK), der von 1946 bis 1950 verschiedene Gussautomodelle produzierte, und Johannes Möbius, der ab 1952 in die Bresche sprang (siehe Michael Spengler [3]).

Näher beschrieben wird das Spiel mit den in der Rückschau als Bordstein- bzw. Rinnsteinrenner oder auch als Kneterenner apostrophierten Modellen in Büchern und im Internet meist im Kontext mit Jugenderinnerungen. Zu den Autoren, die auf dieses Thema eingehen, gehören Kurt Haase [4], Klaus Kordon [5] sowie Fritz Schukat [6], Manfred Heyde [7], Michael Lorenz [8] und Horst Bosetzky [9]. Klaus Kordon ist Jahrgang 1928 und hat wahrscheinlich noch mit den ersten Gussautos gespielt. Bald nach dem Krieg waren die Rennwagenmodelle auch wieder in Berlins Kaufhäusern zu bekommen [6]. Wie nachhaltig die Eindrücke beim Spiel mit den Flitzern gewesen sein müssen, lassen die Kindheitserinnerungen eines seit Jahrzehnten in Australien lebenden, in Neukölln aufgewachsenen Berliners ahnen, der im Internet aktuell schreibt: „Ich denke daran, dass wir Hopse auf der Straße spielten, am Rinnstein unsere Renner sausen ließen, ….“

mercedesDie jeweiligen Rennstrecken wurden oft mit Kreide auf den Asphalt, soweit vorhanden, aufgemalt und konnten zusätzliche Hindernisse aufweisen. Solche Parcours stellten hohe Anforderungen an Können und Geschicklichkeit des einzelnen. Dagegen hatten die Bahnen auf den im Gegensatz zu heute sehr hohen Bordsteinen vorgegebene Begrenzungen und machten den „Fahrern“ weniger Schwierigkeiten. Geeignete Rinnsteine waren in Berlin häufig an Straßenecken zu finden. Sie mussten möglichst breit sein und eine glatte Oberfläche aufweisen; allerdings konnten die Stoßfugen beim Überrollen Probleme machen. Die Länge solcher Stücke war begrenzt und dürfte gemäß der doppelten Bürgersteigbreite 7 bis 8 m betragen haben, während zum Beispiel die Einfassungen von Sandkästen, wenn sie breit genug waren, die Austragung von „Rundstreckenrennen“ erlaubten.

Möbius_W196_stromlinie_rotAn den Rennen war meist eine größere Zahl von Kindern und Jugendlichen beteiligt, die zu fünft, sechst oder siebt auf dem Pflaster knieten und für eine Weile die Welt um sich vergaßen. Manche von ihnen hatten mehrere Renner, die sie in unterschiedlichen Farben lackierten, um sie unverwechselbar zu machen. Lange Zeit war der schlanke, in den 1930ern im internationalen Automobil-Rennsport so erfolgreiche Mercedes Silberpfeil W25 das beliebteste Modell. Mit dem Mercedes W196 Monoposto veränderte sich jedoch das Rennwagendesign, bis dann 1957 das Modell des Silberpfeil W196 Stromlinie auftauchte. Die Gestaltung dieses flachen, breiten Renners elektrisierte die jugendlichen Enthusiasten, und er wurde schnell zum Wunschtraum vieler Jungen.

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Um beim Rennen gegen die Konkurrenz bestehen zu können und die Chancen zu erhöhen, als Erster durchs Ziel zu gehen, betrieben die „Fahrer“ oft großen Aufwand. So wurde der Hohlraum der Renner zunächst mit Knete ausgefüllt, um Gewicht und Trägheit der kleinen Flitzer zu vergrößern und damit ihre Rolleigenschaften zu verbessern. Mit zusätzlich eingedrückten Eisenteilen (Schrauben, Nägel, Kugeln) konnte man diesen Effekt weiter verstärken, und manche gossen ihren Renner sogar komplett mit Blei aus. Mit gut geölten Achsen rollten die Fahrzeuge natürlich noch etwas besser, und der Geradeauslauf ließ sich durch Auswechseln der Gummireifen optimieren.

Beim Rennen schoben die Teilnehmer ihre gut oder weniger gut präparierten Renner abwechselnd an. War der Stoß zu kräftig, und das Fahrzeug fuhr (mit höchstens einem Rad) über die Begrenzung bzw. auf die Pflasterung, musste man auf den letzten Ausgangspunkt zurück. Das galt übrigens auch für Karambolagen und wenn der Renner beim Anstoßen zu lange geführt wurde. Manchmal wurde die als „Besenstil“ bezeichnete Art des Anschiebens jedoch von vornherein unterbunden, indem nur bestimmte Anschubtechniken erlaubt waren. An Stoßstellen von Bordsteinen mit zu sehr störenden Kanten und Spalten durfte „übergesetzt“ werden, wenn der Renner auf Fahrzeuglänge herangekommen war. Konnte man sich ob der Erfüllung dieser Forderung nicht einigen, hielt man den Wagen einfach an der Vorderachse fest und klappte ihn dann der Länge nach um.

Fiel der Renner vom Rinnstein, musste man ebenfalls zurück oder sogar wieder ganz von vorn anfangen [8]. Um das zu verhindern, gab es einen kleinen Kniff, nämlich einen „Knetestopper“, der die Fahrt abbremste, wenn die Räder die Bodenhaftung verloren. Dieser Stopper bestand aus einem Knetestück ähnlich einem Radiergummi, das zusätzlich von unten zwischen den Achsen an das Gussmodell angedrückt wurde. Kam der Renner nun von der Bahn ab, so setzte er mit seinem „tiefergelegten“ Mittelteil auf, was ihn, wenn er rechtzeitig zum Stillstand kam und nicht schon zu weit über den Bordstein ragte, vor dem Absturz bewahrte. Die Kunst bestand allerdings darin, genügend Bodenfreiheit zu lassen, damit der Stopper nicht schon bei normaler Fahrt als Bremsklotz wirkte [9].

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Mit zunehmendem Verkehr war das Spielen auf der Straße zu gefährlich geworden, erinnert sich Axel Kirchner (siehe auch seinen Artikel über die Schieberenner [10]), so dass er in den 1960er Jahren in West-Berlin das Spiel auf Bordsteinen weder selbst praktiziert noch beobachtet hat. Rennstrecken bzw. Rundkurse wurden vielmehr zu Hause auf Teppichen und Teppichböden abgesteckt. Bei schönem Wetter zog man auf Kinderspielplätze um und schuf in den Sandkästen befestigte und planierte Strecken. Das funktionierte auch ganz gut, aber hinterher bedurften die Fahrzeuge einer intensiven Reinigung.

Die echten Mercedes Silberpfeile gehörten inzwischen der Vergangenheit an, und Mitte der Sechziger ging schließlich auch die Ära ihrer kleinen Nachbildungen zu Ende [10].

 

Quellen

[1] Frithjof Hahn: Spielzeugmuseum Kleßen – Sonderausstellung „Das Spielzeug hatte ich auch mal“.

[2] Unbekannter Autor (mikety): Wackelkontakt. Webseite des Wagner Verlages (Community), 2009.

[3] Michael Spengler: Johannes Möbius und die Bordsteinrenner – neu. 2013.

[4] Kurt Haase: Meistens wollte ich es so – Pilze und Spiele. Rohnstock Biographien.

[5] Klaus Kordon: Julians Bruder. Verlagsgruppe Beltz, Landsberg, 2012, S. 15

[6] Fritz Schukat: Womit habt ihr eigentlich in eurer Jugend gespielt? Beitrag auf der Webseite der „Erinnerungswerkstatt Norderstedt“.

[7] Manfred Heyde: Muckefuck, Eiswaffel und Kneipenskat. 2013.

[8] Michael Lorenz: Ente mit Eckschnitt. Videel Verlag oHG, Niebüll, 2006, S. 42.

[9] Horst Bosetzky: Brennholz für Kartoffelschalen. Argon Verlag GmbH, Berlin, 1995, S. 243-244.

[10] Axel Kirchner: Schiebe-Renner – Rundjagden vor der Haustür. Spielzeug Revue, (2000) 6, S. 14-16.

 

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